Körung 2012/ 2013

Die tierärztliche Untersuchung des Köraspiranten

Bewährtes und Neues im Zuge einer verbandsübergreifenden Vereinheitlichung

von Dr. Michael Köhler

Veröffentlicht in „Reiten und Zucht in Berlin-Brandenburg“ Heft 04/2005

Die Selektion von Zuchtpferden wird schon seit Hunderten von Jahren betrieben. Dabei stehen in erster Hinsicht die gewünschten Nutzungseigenschaften im Vordergrund. So wurde aus Arbeitspferden heute Sportler, die vom Freizeit- bis zum Hochleistungssport genutzt werden können. Gesundheitliche Aspekte wurden dabei zunächst nur an Hand empirischer Erfahrungen mit eingezogen. So wurden Vatertiere mit Gliedmaßen-Fehlstellungen, Brüchen oder Hodenanomalien meist nicht zur Zucht zugelassen. Anpaarungen, bei denen Missbildungen entstanden sind, wurden nicht wiederholt. Aus den Erfahrungen der Züchter war bekannt, dass sich solche Veränderungen vererben können.

Mit dem Fortschreiten des Wissens über bestimmte Krankheiten des Pferdes und mögliche erbliche Aspekte wurde auch eine Selektion unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse möglich. So wurden zunächst retrospektiv die an die Nachkommen weitergegebenen Eigenschaften analysiert und Schlussfolgerungen daraus gezogen. In den frühen Achtziger Jahren ein Hannoveraner Hengst auf Druck der Züchter aus dem Deckeinsatz genommen, da seine Nachkommen oft einen starken Überbiss aufwiesen.

 

Mit einer Studie zur Erblichkeit der Beeinträchtigung der Atemwege im Sinne des sogenannten Kehlkopfpfeifens aus dem Jahr 1989 wurden erstmals wissenschaftliche Erkenntnisse in die Zuchtselektion integriert. Dies führte in den vergangenen Jahren zu einer deutliche Reduktion der Erkrankungshäufigkeit.

Mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Erkrankungen des Pferdes und der breiten Einführung von Kaufuntersuchungen versuchte man, auch für die Körung einen standardisierten Untersuchungsgang zu entwickeln. So wurde in den meisten Zuchtverbänden eine Untersuchung der zur Körung ausgewählten Hengste vorgeschrieben, in der ein Tierarzt oder eine Tierärztekommission neben der Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane auch das Freisein von sogenannten Hauptmängeln entsprechend der Kaiserlichen Verordnung vom 27. März 1899 bescheinigte. Somit wollte man verhindern, dass die auserwählten Vatertiere solche Merkmale tragen und eventuell an ihre Nachkommen weitergeben würden.

Hierbei spielte sicher auch eine nicht unerhebliche Rolle, dass in den großen Zuchtverbänden die Körungen schon früh auch zur Vermarktung junger Pferde genutzt wurden.

Zum Ende der neunziger Jahre setzte sich mehr und mehr auch die Röntgenuntersuchung der Köraspiranten durch. So wurde durch die Pferdezuchtverbände Berlin-Brandenburg und Sachsen-Anhalt im Jahr 1999 bei den im Jahr 1997 geborenen Hengsten die Anfertigung von Röntgenaufnahmen vorgeschrieben. Diese wurden dann durch eine Röntgenkommission beurteilt und an Hand der ermittelten Befunde eine Empfehlung zur Zulassung ausgesprochen. Dabei sollten die möglichen Vatertiere mindestens in Röntgenklasse II oder besser einzuordnen sein. Dies ist meines Erachtens gerechtfertigt, da man an die Körungshengste mindestens ein so strenges Maß wie an Verkaufspferde anlegen sollte. Schließlich sollen diese ausgewählten Hengste auch die entsprechend zu vermarktenden Nachkommen erzeugen. Eine nachträgliche Zuchtselektion führt zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten für die breite Masse der Züchter, die einen entsprechenden Hengst eingesetzt haben, die Nachkommen vielleicht aber nicht vermarktet bekommen.

 

Leider haben die Untersuchungen zur Erblichkeit (Heritabilität) einzelner Erkrankungen beim jungen Pferd recht unterschiedliche Ergebnisse erbracht. Dies ist wahrscheinlich durch die Auswahl der untersuchten Gruppen aber auch die entsprechenden Testverfahren entstanden. So berichtet Phillipson (1993) aus den USA schon über eine recht deutliche Erblichkeit einer Osteochondrose im Sprunggelenk, einer Erkrankung die durch die Ausbildung von Chips geprägt ist. Winter (1995) fand bei deutschen Reitpferderassen lediglich eine geringe Erblichkeit.

Die neuesten Ergebnisse einer von der FN geförderten Studie zur Osteochondrose zeigt jedoch, dass vor allem die Ausbildung von Chips im Sprunggelenk eine nicht geringe Erblichkeit aufweist  (M.Schober u.a.: Populationsgenetik und OCD, Vortrag bei den „Göttinger Pferdetagen 2004“, FN-Verlag). Dies bestätigt, dass eine Selektion auch unter solchen gesundheitlichen Aspekten, die nur durch eine Röntgenuntersuchung aufdeckt, erforderlich ist.

 

Abbildung 1.: Nicht jeder Chip im Sprunggelenk geht mit einer äußerlich sichtbaren Schwellung einher

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Die Durchführung der Körungsuntersuchungen sowie der Grad der Selektion hat in den letzten Jahren für einigen Diskussionsstoff gesorgt. So variierte der Untersuchungsumfang in den einzelnen Verbänden doch recht deutlich. Andererseits wurden gleiche Befunde unterschiedlich bewertet, lag die Selektionsgrenze in den einzelnen Zuchtgebieten auf recht unterschiedlichem Niveau.

Im vergangenen Jahr wurde bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung eine Kommission ins Leben gerufen, die die Vorgehensweise bei der Untersuchung der Körhengste in den einzelnen Verbänden analysieren sollte. Das Ziel dieser aus Vertretern der Zuchtverbände und den verantwortlichen Tierärzten zusammengesetzten Gruppe sollte die Vereinheitlichung der Untersuchungsgänge und Bewertungskriterien sein.

Bei der Analyse des gegenwärtigen Zustandes kam aus den Erfahrungen der verschiedenen Verbände sehr schnell die Erkenntnis, dass man die Untersuchungen für die Körungen kaum von denen für die Vermarktung, speziell denen bei Auktionen trennen kann. Außerdem sollte man auch in Zukunft möglichst zeitnah neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Erblichkeit verschiedener Merkmale einfließen lassen.

Mit der Umsetzung der gemeinsamen Richtlinien zur Vereinheitlichung der Untersuchungen zur Körung werden sich auch bei den für die Körung der Pferdezuchtverbände Berlin-Brandenburg und Sachsen-Anhalt vorgestellten Hengsten ab der Hauptkörung 2005 einige, wenn auch wenige Punkte ändern.

Die klinische Untersuchung wird nach wie vor denen einer Kaufuntersuchung entsprechen. Dabei wird auf die Durchführung von Beugeproben verzichtet, da dies bei den jungen Hengsten einerseits recht schwierig durchzuführen ist und andererseits auch erfahrungsgemäß zu falsch-negativen Ergebnissen führen kann. Gerade beim wachsenden Pferd kann eine Beugeprobe positiv ausfallen ohne dass es dazu entsprechende röntgenologische Veränderungen zu finden sind oder eine zukünftige Leistungsbeeinträchtigung gegeben sein muss.

Die klinische Untersuchung sollte so zeitnah wie möglich zur Körveranstaltung erfolgen, da  – wie die Erfahrung zeigt – die Veranstaltung auch immer mehr zur Vermarktung der Junghengste genutzt wird.

Sowohl für die klinische als auch für die röntgenologische Untersuchung ist die Vorlage des Equidenpasses unbedingt erforderlich, da gleichzeitig eine Identitätsüberprüfung erfolgt.  Die fünfzehnstellige Lebensnummer muss außerdem sowohl auf dem Untersuchungsprotokoll als auch auf den Röntgenaufnahmen vermerkt werden.

Als Veränderung zur bisherigen Vorgehensweise soll die klinische Untersuchung durch einen Fachtierarzt für Pferde durchgeführt werden. Da im Bereich der Tierärztekammern Berlin und Brandenburg 6 bzw. 16 Tierärzte ein entsprechende Qualifikation besitzen (Stand 2004), sollte dies kein Problem darstellen.

Die Untersuchung der Junghengste bezüglich von Erkrankungen der Atemwege wird nach wie vor entsprechend der Festlegungen der Kaiserlichen Verordnung vom 27. März 1899 vorgegangen werden. Diese wird durch schnelle Bewegung (Galopp) bei gleichzeitigem starken Herannehmen des Kopfes (Ausbinden) an der Longe erreicht. Jegliche durch Atemgeräusche auffallende Pferde sollten dann einer Endoskopie unterzogen werden, um den Zustand und die Funktionsfähigkeit der Organe des Atmungsapparates insbesondere des Kehlkopfes zu begutachten.

Die Röntgenuntersuchung wird nahezu unverändert weiterhin durchgeführt. Die bisherigen 10 Standardaufnahmen werden lediglich um Aufnahmen der Kniegelenke im seitlichen Strahlengang (90o – 115o) ergänzt. Diese zusätzlichen Aufnahmen sind erforderlich, da das Knie ein wichtiges Gelenk bezüglich der Erkrankung der Osteochondrose ist.

Vom Sprunggelenk werden jeweils 2 Schrägaufnahmen im Winkel von 45o sowie 115o angefertigt. Die Zehengelenksaufnahmen sowie die Strahl- und Hufbeinaufnahmen nach Oxspring bleiben in unveränderter Form bestehen, da sich mit diesen Aufnahmen die wichtigsten Veränderungen erkennen lassen.

Weitere Aufnahmen sind nach dem heutigen Erkenntnisstand nicht erforderlich. So ist die Aussagekraft von Röntgenaufnahmen des Rückens bzw. der Dornfortsätze der Brust- und Lendenwirbel recht zweifelhaft und sollte daher nicht bei der Begutachtung von Körhengsten  einbezogen werden.

 

Abbildung 2: Neueste Untersuchungen bestätigen erbliche Faktoren bei Entstehungen der Osteochondrose im Sprunggelenk – hier abgelöster Chip

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Ein weiteres Novum durch die Vereinheitlichung der Körungsuntersuchungen ist dadurch gegeben, dass die Aufnahmen nicht älter als 12 Wochen vom ersten Tag der Körung sein dürfen, zu der ein Hengst zugelassen ist. Dies ist besonders unter Berücksichtigung der gleichzeitig mit einer Körung durchgeführten Vermarktung erforderlich.

Anerkennungshengste können mit ein den Röntgenbildern vorgestellt werden, die für ihre eigentliche Körung in einem anderen Zuchtverband angefertigt

 

Die Begutachtung wird auch weiterhin durch eine von den Zuchtverbänden festgelegte Tierärztekommission erfolgen. Dabei werden auch in Zukunft nur Hengste eine Empfehlung zur Zulassung zur Körung erhalten, die Röntgenbefunde haben, die Einstufung besser als Röntgenklasse III ermöglichen. Dieses schon seit 1999 praktizierte Vorgehen setzt sich allmählich auch in den anderen Zuchtverbänden durch, nicht zuletzt daher, dass dieses Zuchtereignis heute nicht mehr von der Vermarktung von jungen Pferden zu trennen ist. Welcher Hengstkäufer wäre schon darüber erfreut, wenn man ein bei der Körung erworbenes Pferd wenig später wegen gesundheitlicher Abweichungen nicht mehr verkaufen könnte.

 

Da nur vollständig gesunde Hengste der Zuchtprüfung unterzogen werden sollen, werden durch den betreuenden Tierarzt alle Aspiranten vor Beginn der Veranstaltung nochmals eines kurzen Gesundheits-Check im Sinne einer Pflasterprüfung unterzogen.

 

Abbildung 3: Solche zystoiden Strahlbeinveränderungen können bei der Röntgenuntersuchung auffällig werden

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In den Untersuchungsgang und in die gesundheitlichen Selektionskriterien für Reitpferdehengste sollen natürlich auch in Zukunft die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis einbezogen werden. Betrachtet an der langen Erfahrung der züchterischen Auswahl von Vatertieren steht die tiermedizinische Einflussnahme erst gewissermaßen am Anfang. Doch mit der Geschwindigkeit, in der sich medizinische Forschung weiterentwickelt, ist hier sicher rasch mit neuen Aspekten für eine Selektion zu rechnen. So können Veränderungen an der Halswirbelsäule schnell zur Unbrauchbarkeit oder zur deutlichen Verschlechterung der Reiteigenschaften eines Pferdes führen.

So wird es auch in den kommenden Jahren genügend Überlegungen und Diskussionsstoff für Züchter, Zuchtverbände und Tierärzte geben.

 

 

Wir danken der Redaktion von „Reiten und Zucht“ für die Möglichkeit der Veröffentlichung dieses Artikel auf dieser Website